Sieben-Tore-Spektakel bringt drei Punkte

Spektakulär, spektakulärer, VfB Auerbach – diese Reihenfolge kann sich der Fußball-Oberligist derzeit auf die Fahnen schreiben. Alle Spiele des Jahres 2023 waren für die Vogtländer bislang von einer Dramatik gekennzeichnet, die in dieser Fülle wohl nur selten vorkommt. Bis Samstag war die Dramatik auch immer mit Drama verbunden. Noch kein Sieg war dem Team von Trainer Sven Köhler in diesem Kalenderjahr gelungen. Doch seit Samstag ist dies anders: Mit 4:3 (2:2) besiegten die Auerbacher den VfL Halle 96 – natürlich in einem Spiel, das einmal mehr die Nerven strapazierte. „Gefühlt war ich auch diesmal dem Herzinfarkt wieder sehr nah“, sagte selbst der erfahrene VfB-Trainer, der genau wie sein Team nach dem wichtigen Erfolg erst einmal tief durchatmen musste. „Der Sieg tut allen auch für den Kopf gut. Endlich schmeckt auch mal der Kaffee am Sonntag und du musst dich nicht über das Spiel vom Vortag ärgern.“

Vor dem Sonntagskaffee gab es für die Auerbacher wohl am Samstagabend zunächst ein Siegerbier, das sich das Team redlich verdient hatte und das zwischenzeitlich auch schon fast wieder in der Abstellkammer gelandet wäre. Denn zweimal stand der VfB am Rande einer Niederlage, die das Gefühl wohl sehr getrübt hätte. Denn eine Pleite wäre nur aus einem Grund verdient gewesen: der eigenen Unzulänglichkeit. Auerbach machte gegen Halle ein gutes Spiel und besaß alles für einen Sieg: mehr Spielanteile, mehr Chancen, hohes Engagement, gute Aktionen in der Offensive. Einziges Manko war das Defensivverhalten. Der gesamte Defensivverbund – inklusive Torhüter Stefan Schmidt – hangelte sich von einer Zitter-Situation zur nächsten. Bei jedem Gäste-Angriff drohte Gefahr – und das obwohl Halle nicht einmal viel Innovatives dafür tun musste. Die Auerbacher Verunsicherung war groß, die Erfahrung zudem gering. Denn aus der Rückkehr des erfahrenen Marcin Sieber in die Innenverteidigung wurde nichts. Er meldete sich am Samstagmorgen krank. So musste wieder die U21-Defensive ran und strahlte keine Sicherheit aus. „Wenn man es kritisch betrachtet, dann haben wir aus harmlosen Situationen die Gegentore gefangen“, sagt Köhler.

Doch er wollte eigentlich gar kein Salz in die Wunde streuen. Es überwog ohnehin die Erleichterung und die Freude über die verdienten drei Punkte: Die Achterbahnfahrt der Gefühle hatte schon im ersten Abschnitt begonnen, als nach dem Führungstreffer von Vojtech Cermus per Foulelfmeter (22.) die Gäste mit einem Doppelschlag (23./30.) urplötzlich in Führung lagen. Zwei Gegentore, eins unnötiger und vermeidbarer als das andere. Die Köpfe der Auerbacher hätten also nach den Misserfolgen der Vorwochen zu diesem Zeitpunkt zurecht nach unten sinken können. Doch diesmal hatte der VfB auch das lange Zeit vermisste Spielglück: Ondrej Brejcha, der konstanteste Auerbacher in den letzten Wochen, verwandelte einen Eckball direkt ins Netz (37.). Absicht? „Nein, wirklich nicht“, sagte Brejcha. „Der Wind hat mir etwas geholfen.“ Der Ball segelte über den Keeper in die Maschen.

Der Ausgleich gab nach dem Seitenwechsel Auftrieb. Auerbach wollte es nun wissen und spielte energisch und planvoller in Richtung Hallenser Tor als noch vor einer Woche gegen Rudolstadt. Nachdem Lucas Seidel zuvor eine 100-prozentige Chance nicht verwandelt hatte (54.), schlug Marc-Philipp Zimmermann zu (59.). Danach hätte Auerbach alles klar machen müssen mit dem vierten Treffer. Doch entspannte Schlussphasen scheinen die Gelb-Schwarzen nicht zu mögen. Vielmehr bieten sie den Zuschauern Spektakel pur. Ein völlig unnötiger Ausgleich in der 64. Minute hätte allerdings auch so nach hinten losgehen können, dass das Spiel nochmals komplett kippen würde. „Eigentlich bricht man nach solchen Rückschlägen nicht selten zusammen und bringst dich um den verdienten Lohn“, weiß auch Köhler, der deshalb sein Team für die Mentalität lobte: „Es ist fantastisch für die Jungs, dass sie das Ding immer wieder so toll umgebogen haben.“ Denn Auerbach stand auf und erkämpfte sich die drei Punkte: Ein toller Spielzug über Brejcha, der Cermus optimal in den Lauf spielte, führte zum Siegtreffer. Cermus nahm den Ball lehrbuchmäßig mit, traf ihn beim Abschluss nicht 100-prozentige, aber der Ball landete im Netz (77.).

Erfreulich auch: Obwohl Halle in den Schlussminuten nochmals den Druck erhöhte, stand dann die Auerbacher Abwehr sicher und brachte die Führung über die Zeit. „Der Sieg war in der Summe gerecht. Für den Moment können wir durchatmen, wissen aber, dass es genauso intensiv weitergeht.“ Es spricht also einiges dafür, dass das Auswärtsspiel in Wernigerode am Sonntag erneut ein Spektakel wird.