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„Das größte Gut für mich ist, dass wir keine abgehobenen Spieler haben!“
Interview mit Cheftrainer Tommy Färber vor dem Oberliga-Start
1. Tommy, du bist jetzt seit rund zwei Monaten beim VfB Auerbach. Wie fällt dein erstes Fazit aus? Was ist dein Eindruck von der Mannschaft, vom Umfeld aber auch vom gesamten Verein?
Ich hatte von Anfang an ein sehr gutes Gefühl, den Trainerposten hier zu übernehmen. Die Gespräche mit Ronny Kadelke und Michael Stöhr-Gäbler waren von Beginn an von gegenseitigem Respekt und großer Wertschätzung geprägt. Die DNA des VfB Auerbach ist der familiäre Zusammenhalt - und genau diesen habe ich vom ersten Tag an gespürt.
Mein Eindruck von der Mannschaft ist durchweg positiv. Mir wurde bewusst das Vertrauen entgegengebracht, den Kader nach meinen Vorstellungen mitzugestalten. Natürlich haben die Verantwortlichen dabei stets darauf geachtet, dass der finanzielle Rahmen eingehalten wird. Entscheidend ist aber, dass wir Spieler im Kader haben, die nicht in erster Linie auf das Geld schauen, sondern den Ehrgeiz besitzen, sich weiterzuentwickeln und sportlich anzugreifen. Genau diese Einstellung passt hervorragend zu meiner Philosophie und zu der des gesamten Trainerteams.
2. Rund um den VfB ist eine richtige Aufbruchsstimmung zu spüren. Die Fans freuen sich auf die neue Saison, gerade nach der vielversprechenden Generalprobe gegen den VfB Schöneck. Nimmst du diese Euphorie ebenfalls wahr und wie wichtig ist sie für den gemeinsamen Weg?
Natürlich freut es mich, wenn das so wahrgenommen wird. Ich bekomme immer wieder mit, dass mich Menschen ansprechen und sagen: „Tommy, ihr macht das echt richtig gut in Auerbach." Das ist eine schöne Wertschätzung für die Arbeit, die Michi und ich seit März mit viel Leidenschaft investiert haben. Wir haben praktisch rund um die Uhr miteinander telefoniert und gemeinsam am Kader sowie am Funktionsteam gearbeitet.
Die aktuelle Euphorie ist eine wichtige Grundlage für unseren gemeinsamen Weg. Die positive Energie - sowohl innerhalb der Mannschaft als auch von den Fans und dem gesamten Umfeld - kann das Team zusätzlich beflügeln. Gleichzeitig ist es wichtig, dass wir als große Auerbacher Familie auch in schwierigen Phasen zusammenstehen. Rückschläge gehören im Fußball dazu. Entscheidend wird sein, dass wir dann gemeinsam weitermachen und den eingeschlagenen Weg konsequent verfolgen. Ich bin überzeugt, dass diese Mannschaft viel erreichen kann - und wir alle haben richtig Lust auf diese Herausforderung.
3. Das Gesicht der Mannschaft ist größtenteils erhalten geblieben. Dazu sind einige interessante Neuzugänge aus unterschiedlichen Spielklassen und Vereinen gekommen. Wie bewertest du diesen Mix aus erfahrenen und jungen Spielern sowie den unterschiedlichen Charakteren innerhalb der Mannschaft?
Diese Mannschaft ist für mich ein Segen. Wir haben hungrig, talentierte Spieler und erfahrene Spieler, die den Laden lenken werden". Das größte Gut für mich ist, dass wir keine abgehobenen Spieler haben. Bodenständigkeit ist für mich super wichtig. Nach den letzten Wochen ist ein brutaler Zusammenhalt zu spüren. Die Aufgabe des Trainerteams wird es sein, diesen stets aufrecht zu erhalten. Spieler werden immer spielen wollen, aber das können wir nicht garantieren. Es liegt an jedem Einzelnen. Dennoch zeichnet sich die Mannschaft durch eine enorme Flexibilität aus. Wir sind in der Lage Positionen zu ersetzen und unterschiedliche Spielerprofile auf das Feld zu schicken. Diese Breite wird uns in der Saison enorm helfen.
Ein weiterer großer Pluspunkt für mich ist unser Trainer- und Funktionsteam. Der Zusammenhalt, den wir von der Mannschaft einfordern, wird von uns jeden Tag vorgelebt. Mit Sandy Trippner und Marcel Maschke habe ich zwei hervorragende Co-Trainer an meiner Seite, die nicht nur über enormes Fachwissen verfügen, sondern auch starke Führungspersönlichkeiten sind. Auch unsere medizinische und athletische Betreuung ist hervorragend aufgestellt. Mit Mannschaftsarzt Dr. Löschner, den Athletiktrainern Paul Schneider und Tom Mäusebach sowie den Physiotherapeuten Yannick Seyboth und Jens Richter verfügen wir über ein Team, das auf höchstem Niveau arbeitet. Gleiches gilt für unsere Torhüterabteilung: Unter der Leitung von Oliver Dix und Daniel Fröhlich erhalten unsere Torhüter ein qualitativ hochwertiges und professionelles Training. Hinzu kommt unsere Organisationsabteilung mit Roland Pöhler und Frank Löwe, die im Hintergrund einen herausragenden Job macht und dafür sorgt, dass der tägliche Ablauf reibungslos funktioniert.
Insgesamt sind wir personell und strukturell für Oberligaverhältnisse außergewöhnlich gut aufgestellt und genau das ist ein wichtiger Baustein für unseren gemeinsamen Weg.
4. Auffällig ist auch die Stimmung innerhalb der Mannschaft. Gerade im Trainingslager hatte man den Eindruck, dass sich die Spieler untereinander hervorragend verstehen und als Team noch enger zusammengerückt sind. Auch merkt man dies wenn man die ein oder andere Trainingseinheit besucht: es wird zielstrebig gearbeitet, aber auch viel gelacht - die Jungs scheinen großen Freude am gemeinsamen Weg zu haben. Wie wichtig ist dir dieser Zusammenhalt und glaubst du, dass genau dieser Teamgeist in einer langen Oberliga-Saison den Unterschied ausmachen kann?
Also wenn ein Spieler ohne Lachen aus dem Training kommt, wurde etwas falsch gemacht. Der Spieler muss Freude bei dem haben, was er tut. Nur dann zeigt er entsprechende Leistungen. Diesen Reiz setze ich mit Sandy und Maschi in jedem Training. Wie ich es schon sagte, der Zusammenhalt kann für uns enorm vorteilhaft werden. Ich habe schon einige Mannschaften trainiert oder in diesen gespielt. Diese Energie, die gerade in der Mannschaft herrscht, wird uns in Halle helfen und hoffentlich in der gesamten Saison.
5. Viele Spieler berichten, dass das Trainingsniveau und die Leistungsanforderungen deutlich höher sind als in den vergangenen Jahren. Welche Philosophie steckt hinter deiner Arbeit und warum ist dir dieser hohe Anspruch so wichtig?
Sven Köhler hat hier über viele Jahre hinweg hervorragende Arbeit geleistet und als Trainer deutlich mehr erreicht, als ich bisher vorweisen kann. Deshalb möchte ich diesen Vergleich gar nicht ziehen - und ich finde auch nicht, dass er mir zusteht. Wenn die Spieler ihre eigenen Eindrücke oder Vergleiche äußern, ist das selbstverständlich ihr gutes Recht.
Wir sprechen im Fußball - gerade in Nachwuchsleistungszentren und Jugendmannschaften ständig von Entwicklung. Für mich stellt sich dabei die entscheidende Frage: Wann entwickelt sich ein Spieler eigentlich wirklich? Aus meiner Sicht nur dann, wenn er seine eigenen Grenzen kennt und bereit ist, sie zu verschieben. Das gilt nicht nur im Fußball, sondern im Leben allgemein. Entwicklung entsteht immer dann, wenn man den Mut hat, die eigene Komfortzone zu verlassen und über die bisherigen Grenzen hinauszugehen. Alles andere bleibt für mich oft nur eine Floskel.
6. Wer euch in der Vorbereitung beobachtet hat, hat gesehen, dass ihr nicht nur Fußball trainiert habt. Judo, Treppenlauf an der Vogtlandschanze oder intensive Athletikeinheiten - warum sind solche außergewöhnlichen Trainingseinheiten für dich ein wichtiger Bestandteil der Vorbereitung?
Ich bin ein großer Verfechter davon, Trainingsreize aus anderen Sportarten in unsere Arbeit einzubauen. Wenn eine Mannschaft sechs Wochen Vorbereitung ausschließlich auf dem Fußballplatz verbringt, lässt die intrinsische Motivation irgendwann nach. Mit neuen Reizen, ungewohnten Umgebungen und anderen Belastungsformen müssen sich die Spieler immer wieder neu anpassen, ihre Komfortzone verlassen und an ihre Grenzen gehen.
Das Training mit den Judokas war dafür ein perfektes Beispiel. In den Spielen zuvor hatte ich beobachtet, dass wir in vielen Balleroberungen den direkten Körperkontakt zum Gegner eher vermieden haben. Das hat mich nicht überzeugt. Deshalb wollten wir den Spielern vermitteln, was es bedeutet, Zweikämpfe konsequent anzunehmen und den Kontakt bewusst zu suchen.
Auch die Treppenläufe an der Skisprungschanze in Klingenthal waren für alle eine echte Grenzerfahrung - körperlich ebenso wie mental. Einige Spieler hatten Respekt vor der Höhe und berichteten sogar von Höhenangst. Trotzdem haben sie den Schanzentisch zweimal erklommen. Genau solche Erfahrungen schweißen eine Mannschaft zusammen und stärken das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.
Für mich hatte diese Einheit zudem eine starke Symbolkraft: Schritt für Schritt dem Ziel näher kommen - genauso wie auf dem Fußballplatz. Spielzug für Spielzug arbeiten, Herausforderungen gemeinsam meistern und den eingeschlagenen Weg konsequent weitergehen, bis das Ziel erreicht ist.
7. Was dürfen die VfB-Fans in dieser Saison auf dem Platz erwarten? Für welche Art von Fußball soll der VfB Auerbach unter Tommy Färber stehen?
Schnell, wild, angriffslustig, bodenständig. Wir wissen, dass unser Team keine Bundesligamannschaft ist, wissen aber auch, welche Stärken wir besitzen. Und genau darauf richten wir unser Spiel auch aus.
8. Nach den zahlreichen Testspielen: Welche Spieler oder vielleicht auch welche Charaktere innerhalb der Mannschaft haben dich in den vergangenen Wochen besonders überrascht oder begeistert?
Ich könnte zu jedem einzelnen Spieler etwas sagen. Es gibt keinen, den ich da „auf die 1“ setzen würde. Mich begeistert unser Teamgefüge total und ich sehe es als Geschenk an, mit dieser Mannschaft arbeiten zu dürfen.
9. Vor dem Spiel gegen Schöneck hast du Cedric Graf zum neuen Kapitän ernannt. Warum fiel deine Wahl auf ihn und welche Eigenschaften machen ihn zu einem guten Kapitän für diese Mannschaft?
Die Wahl fiel schnell auf Cedric. Er ist ein Spieler, der kommuniziert, der der Mannschaft mitteilt, wenn es nicht läuft und sie wachrüttelt. Es war mir wichtig, „Leben“ in die Mannschaft zu bekommen. Mit der Binde wird er dies verantwortungsbewusst tun. Dennoch ist es mir wichtig zu sagen, dass die Kapitänsbinde ein Symbol auf dem Feld ist und die Möglichkeit, mit dem Schiedsrichter zu kommunizieren. Er wird deshalb keine Sonderbehandlung bekommen. Jeder Spieler darf sich bei uns einbringen.
10. Die Vorbereitung ist nun abgeschlossen. Wo steht deine Mannschaft heute und in welchen Bereichen siehst du bis zum Saisonstart oder auch darüber hinaus noch das größte Entwicklungspotenzial?
Ich mag diese Floskel „Wir wissen nach dem ersten Spieltag, wo wir stehen“ überhaupt nicht. Fakt ist, die Mannschaft hat eine Leistungsdiagnostik und zielgerichtetes Training bekommen. Sie wird in Halle topfit und konkurrenzfähig auflaufen. Und wenn wir dieses Spiel verlieren sollten, geht’s gegen Plauen mit Angriffsfussball weiter.
11. Am kommenden Sonntag startet ihr endlich in die Oberliga-Saison beim VfL Halle 96. Ihr habt eure Ziele intern besprochen – diese bleiben bewusst in der Kabine. Mit welchem Gefühl fährst du nach Halle und worauf wird es dort aus deiner Sicht besonders ankommen?
Unser Auftakt ist ein absoluter „Brocken“. Das wird in Halle ein totales Limitspiel werden. Wir haben den Gegner analysiert und werden die Mannschaft gut vorbereiten. Ich bin davon überzeugt, dass wir mit viel Disziplin und dem Matchplan, der eingehalten wird, das Spiel gewinnen können. Ich bitte um Verständnis, dass wir diesen natürlich nicht preisgeben werden.
12. Was möchtest du den VfB-Fans zum Abschluss mit auf den Weg geben? Warum lohnt es sich, diese Mannschaft in dieser Saison Woche für Woche – egal ob zuhause oder auswärts – zu begleiten?
Die wichtigste Grundtugend eines Spielers ist für mich Resistenz. Wenn es nicht läuft, weiter Gas zu geben, es korrigieren zu wollen und immer wieder den Glauben an die eigenen Stärken haben. Das wünsche ich mir von den Fans ebenfalls. Diese können sich sicher sein, dass wir in jedem Spiel alles raushauen werden, was geht. Wenn Spieler das nicht tun, kriegen sie es durch Auswechslungen mitgeteilt. Wir müssen gemeinsam die DNA des Vereins wahren und zusammenhalten, dann werden wir erfolgreich sein. Der Auftakt kann auch nach hinten losgehen. Dann müssen wir Ruhe bewahren. Woche für Woche werden wir auf bodenständigen Angriff gehen. Es geht nur zusammen.
13. Zum Abschluss noch ein kleiner Blick in die Zukunft: Stell dir vor, wir sitzen am 22.05.2027 nach dem letzten Spiel in Halberstadt wieder zusammen. Was müsste in den vergangenen Monaten passiert sein, damit du sagen kannst: „Das war ein richtig erfolgreiches erstes Jahr beim VfB Auerbach“ – unabhängig von Tabellenplatz oder Punkten?
Die letzten Worte in der Frage sind mir wichtig. Fußball wird immer danach abgerechnet, wie viele Punkte und welche Platzierung man hat. Das wird auch so bleiben und mein Anspruch ist es auch, mit dem kompletten Team das Maximale herausrauszuholen. Am Ende würde es mich freuen, wenn wir eine Energie hinkriegen und alle sagen „unter dem Trainer war es wirklich gut!“
Vielen Dank Tommy für das angenehme und ausführliche Gespräch! Ich wünsche Euch und dem gesamten Team, sowie dem Trainergespann viel Erfolg für das erste Spiel und die anstehende Oberliga-Saison! Ich freue mich drauf
Christian Flechsig
